Warum die Zinsen plötzlich steigen

Seit Sommer des Vorjahres hat die EZB die Leitzinsen sechsmal gesenkt, zuletzt Anfang März auf 2,5 Prozent. Will ich aber heute einen Kreditzins für zehn Jahre fixieren, so muss ich wahrscheinlich mit einem höheren Zinssatz rechnen als noch zu Beginn des Jahres. 
Wer dem österreichischen Staat heute für zehn Jahre Geld leiht, erhält 3,1 Prozent (vor KESt-Abzug natürlich), Anfang März waren es nur 2,8 Prozent. Gleiches gilt für deutsche Staatsanleihen: Die Rendite für zehn Jahre lag im Dezember 2024 noch bei 2,1 Prozent, Anfang März 2025 bei 2,4 Prozent und nun bei 2,8 Prozent, wobei sie am 5. März um 30 Basispunkte anstieg – der stärkste Anstieg innerhalb eines Tages seit mehr als 25 Jahren. An diesem Tag verkündete die (wahrscheinlich) neue Regierung in Deutschland, 500 Mrd. Euro zusätzlich für Infrastruktur ausgeben zu wollen und gleichzeitig die Staatsschuldenbremse zu reformieren, um mehr für Verteidigung ausgeben zu können. 
500 Mrd. Euro sind mehr, als der deutsche Bund 2024 insgesamt ausgegeben hat, mehr als 11 Prozent des BIP. Die Ankündigung ist nicht nur politisch ein Paukenschlag nach Jahrzehnten restriktiver Fiskalpolitik in Deutschland, auch für die Finanzmärkte, die dies ja finanzieren müssen, war es ein „Schock“, deshalb stiegen auch die Zinsen für deutsche Anleihen und gleichzeitig alle Zinsen im Euroraum mit längerer Laufzeit, so auch jene, die Basis für langfristige Zinsvereinbarungen sind. 
Allerdings wird das veränderte Verhalten Deutschlands einen wichtigen Wachstumsimpuls für Europa setzen – auch für Österreich. Auch wenn dieser wohl erst ab nächstem Jahr spürbar sein wird und mit einigen weiteren negativen Begleiterscheinungen zu rechnen ist, ist dies ein wichtiges positives Zeichen für Wachstum, gerade in Zeiten, in denen wachstumshemmende Signale aus den USA kommen. 
Klarerweise kann dieses Paket inflationär wirken – man denke etwa an die Situation der Bauwirtschaft in Deutschland. 2024 hat der deutsche Staat gerade mal 70 Mrd. Euro für den Bau ausgegeben, trotzdem klagte ein Drittel der Baufirmen über Arbeitskräftemangel. Die Baupreise stiegen in Deutschland seit 2019 um über 40 Prozent. Aber von diesen Investitionen werden nicht nur Impulse für die Bauwirtschaft ausgehen, es sollte die Produktivität insgesamt und damit langfristig das Wachstumspotenzial heben, nicht nur für Deutschland.
 

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria

Stand: 21. März 2025.

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria

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